23. Türchen: Schaukasten vor dem Vita-Center (Wladimir-Sagorski-Str. 22)

Im Schaukasten vor dem Haupteingang des Vita-Centers und hier überrascht Sie eine Geschichte von Autor Norbert Engst.

Die Stadtmauer – das zehn Minuten Haus

Bei dem Wort Stadtmauer denken viele Chemnitzer wahrscheinlich zuerst an die alte Steinmauer, welche Jahrhunderte lang die Innenstadt schützend umgab. Für die meisten Bewohner des Fritz-Heckert-Gebietes ist es jedoch das niemals enden wollende Haus im oberen Baugebiet V, der heutigen Morgenleite. Das 11-geschossige Wohnhaus war mit 19 Eingängen und knapp 500 Metern Länge so lang, dass man gleich zwei Straßen brauchte, um es zu errichten. In der Tat verteilten sich die Eingänge entlang der Markersdorfer Straße 143-151 und der Johann-Richter-Straße 1-27. Beim bequemen Laufen lagen zwischen dem ersten und dem letzten Eingang knappe zehn Minuten.

Das Haus entstand in den Jahren 1980/1981 zusammen mit der benachbarten Straßenbahnlinie 5. Neun einzelne Wohnblöcke mit je zwei bis drei Eingängen ergaben eines der längsten Wohnhäuser Ostdeutschlands. Es waren die Blöcke Nr. 500 bis 508 im Heckert-Gebiet. Insgesamt wurden 945 Neubauhäuser im Wohngebiet errichtet. Als die elf Etagen hochgezogen wurden, kam es fortan in der gegenüberliegenden Südrand Siedlung zu Störungen im Fernsehempfang. Dafür hatten die Bewohner der oberen Etagen fantastische Ausblicke ins Erzgebirge sowie über weite Teile der Stadt. 717 Familien wohnten einst hier. Wie quirlig und lebhaft muss es zugegangen sein, als all die Schulkinder nach der Schule nach Hause kamen und im Hinterhof ihren Spielen nachgingen?Im Jahr 1996 erfuhr dieser Wohnriese eine umfassende Sanierung. Die Wohnungen als auch die Aufzüge wurden auf einen zeitgemäßen Stand gebracht. Leider blieb auch die Stadtmauer nicht von der eintretenden Leerstandswelle verschont. Ab Anfang des Jahrtausends nahm die Zahl leerstehender Wohnungen zu. Im Jahr 2008 folgte der Abriss großer Teile des Hauses. Heute stehen noch die Eingänge an der Markersdorfer Straße 149-151 und Johann-Richter-Straße 1-7.

Trotz des Rückbaus hat sich der Begriff Stadtmauer im Sprachgebrauch festgesetzt.

Mögen die verbliebenen Eingänge noch lange Zeit stehen bleiben und ihren Bewohnern noch lange und schöne Fernsichten garantieren.

Norbert Engst, Autor